Tauchen für die Weltraum Forschung

 

Tauchen für die Weltraumforschung

Tauchen für die Weltraumforschung
Ein Bericht von Naemi und Daniel Reymann

Alles begann mit einem Aufruf, der mich neugierig machte: Gesucht wurden Probanden für die Weltraumforschung, genauer für das Projekt »Feinmotorik und Kognition in simulierter Schwerelosigkeit«. An diesem langfristigen Projekt forscht derzeit das Institut für Physiologie und Anatomie der Deutschen Sporthochschule Köln, gefördert wird es von Partnern aus der Weltraumforschung: der deutschen Luft- und Raumfahrtagentur (DLR) und dem Europäischen Astronauten-Zentrum (EAC) der ESA.
Ziel dieser Versuchsreihe ist, die menschliche Leistungsfähigkeit unter Extrembedingungen näher zu untersuchen. Desweiteren will man herausfinden, inwieweit die Schwerelosigkeit im Wasser eine überprüfbare und geeignete Trainingsumgebung für bemannte Weltraummissionen darstellt (auch im Vergleich zu den wesentlich aufwändigeren Parabelflügen). Ein Taucher befindet sich bei seinen Arbeitseinsätzen in einem vergleichbaren Arbeitsumfeld. Motorische und kognitive Handlungen müssen auch dort schnell und präzise durchgeführt werden: Bei allgemeinen Tätigkeiten oder beim Bedienen von beispielsweise Steuerknüppeln und bestimmten Forschungsapparaturen. Man denke an kurze Grundzeiten bei komplizierten Bergungsarbeiten beispielsweise bei Wracktauchgängen. Erste Erfahrungen bei Trainings-Arbeitseinsätzen unterwasser waren bei uns bereits gesammelt – im Rahmen der Unterwasserarchäologie-Ausbildung für Sporttaucher der Nautical Archaeological Society (NAS) beispielsweise mit Vermessen, Zeichnen und Dokumentation.

Mein erster und bis jetzt letzter Tauchgang, der ansatzweise mit Weltraum zu tun hatte, lag schon mehr als zehn Jahre zurück. Es bot sich mir eine der seltenen Gelegenheiten, im sogenannten Astronautenpool der DLR in Köln Porz tauchen zu können – damals in einem nachgebauten Modell der »Mir«-Einstiegsluke. Allein das hatte schon reichlich Spaß gemacht und beim »Kino im Kopf« ist man während dieser Zeit selbst Raumfahrer(in) – wie Claudie Haigneré oder Thomas Reiter…

Nun sollte es also Gelegenheit geben, Teile des sogenannten »Astronautentests« ausprobieren zu können – im Dienste der Wissenschaft.

Meinen Bruder, einen meiner Tauchbuddies begeistern zu können, war nicht schwierig, da er sich seit Jugendzeiten mit Astronomie beschäftigt und bis heute fit mit Sternbildern ist (was sich als sehr interessant und praktisch bei Nachttauchgängen erweist :-))

Die Grundvoraussetzungen erfüllen wir: Man muss für den Test Rechtshänder sein, eine gültige Tauchtauglichkeit, wenigstens Einstern-Taucher sein und über mindestens 25 geloggte Tauchgänge verfügen (dies wird vor dem Testdurchlauf auch kontrolliert). Mit Marc Dalecki, der unter der Leitung von Dr. Uwe Hoffmann die Forschungen im Rahmen seiner Dissertation ausführt und seinem Team war schnell ein passender Termin für die Geschwister Reymann gefunden und los ging es…

Ort für die Versuchsreihe ist die Schwimmhalle im Schwimmzentrum der Deutschen Sporthochschule Köln in Müngersdorf. Auf dem Weg zum Schwimmzentrum bekommt man unweigerlich mit, dass sich alles auf diesem Gelände mit Sport befasst: Überall befinden sich diverse Sportflächen und Trainingshallen und man kann dort so gut wie alle Sportarten studieren.

Vor der Halle treffe ich zufällig Marc, er gibt mir ein paar organisatorische Informationen, im Foyer sehe ich bereits den Versuchsanbau »an Land« auf der gegenüberliegenden Seite und wir treffen uns in der großen Schwimmhalle wieder. Dort ist bereits alles präpariert: Auf einem Tisch stehen Laptop und Monitor, gegenüber befindet sich das Aluboard mit Joystick und Tastbox, das nach dem »Landtest« unterwasser erneut zum Einsatz kommen wird. Der Untersuchungsbereich ist optisch etwas vom Becken durch einen Paravent geschützt, beim Prüfungsdurchlauf auch akustisch, denn man bekommt Ohrenschützer auf.

Die große Halle teilten wir uns an diesem Tag mit diversen sportlichen Aktivitäten: Auf der gegenüberliegenden Seite wurde Springen vom Block geübt, es befand sich eine Tauchgruppe im Becken, ein Einzelkämpfer war mit beschwerten Ringen apnoemäßig unterwegs (auf mich wirkte der einsame Sportler etwas »lost in space« siehe Foto!). Unser Bereich unterhalb des gesperrten Sprungturms ist mit Bojen abgegrenzt, was auch gut ist, denn wir teilen uns unseren Bereich mit einem Kinderschwimmkurs und später einer Aquafitnessgruppe, die mit Schwimmnudeln und anderem Gerät unterwegs war. 
 


Da sowohl mein Bruder als auch ich ohne Tauchgerät jeweils Fotos der Unterwassertests machen wollen, müssen wir aufpassen, dass wir die Seniorinnen nicht zu sehr erschrecken, wir tauchen nur so, dass wir die Testreihe nicht behindern und auch nicht zu sehr in das Kamerafeld geraten. Denn an einem Beckenrand befindet sich ein Bereich, von dem aus durch eine Glasscheibe gefilmt wird.

Tauchen für die WeltraumforschungAuf zur Versuchsreihe an Land: Man steckt in einem Tauchjacket, das pragmatischerweise am Einmeter-Sprungturm befestigt war. Vor sich sind der Joystick vor der rechten und eine Tastenbox vor der linken Hand, sowie der Monitor angeordnet. Wir bekommen verschiedene Aufgaben, die meist unter Zeitdruck zu bewältigen sind: Mit der linken Hand bestimmte Tasten oder Tastenkombinationen drücken, Signalzeichen erwidern, bei manchen einen 90 Grad Winkel dazurechnen und und und. 

Wie ein Astronaut hat man sich dann bei der Flugsimulation gefühlt: hier musste man sensibel mit dem Joystick hantieren, um ein kleines, hin-und-her zitterndes Flugzeug mitten im Fadenkreuz zu halten.


 
Unsere »Flugerfahrungen« aus Weltraum-Computerspielen sind schon eine Weile her, passionierte Computerspieler haben hier sicherlich Vorteile…
Vielleicht der bekannteste der Kognitionstests ist der »D2-Test«, bei dem Buchstaben mit bestimmten Eigenschaften erkannt und zugeordnet werden müssen; eine Aufgabe, die Naemi als Gestalterin, die sich auch mit Typografie befasst, sicher leicht gefallen ist.

Im Wasser wird dieselbe Versuchsreihe erneut durchgeführt. Wir bekamen eine zweite Stufe mit 10 Meter-Schlauch, tauchten ab und wurden, nachdem wir uns in das Gestell »eingefädelt« hatten, dort festgeschnallt. Für die Sicherheit sorgten ein weiteres Tauchgerät in direkter Griffweite und natürlich der Sicherungstaucher, der uns stets wachsam im Auge hatte. Das besondere unserer Versuchsanordnung war, das wir auf dem Rücken lagen, den Monitor also oberhalb von uns. Als Probanden hat uns dies nicht so sehr beeinflusst, vielmehr aber die Luftblasen, die natürlich senkrecht aufstiegen und uns so die Sicht nahmen bzw. sich auf dem Monitorglas sammelten. Abhilfe schuf hier ein schlichtes Stück Abflussrohr aus dem Baumarkt, das als »Schornstein« diente und der gesamten Apparatur das Aussehen einer Dampfmaschine verlieh. 

Tauchen für die Weltraumforschung

Tauchen für die Weltraumforschung

Die Versuchsreihe war dann auch gefühlt viel zu schnell vorbei. Es war für uns sehr interessant, daß man sich sehr gut auf die konzentrierte Arbeit einstellen konnte und die äußeren Störquellen (so z.B. der übrige Betrieb im Schwimmbad) so gut wie keinen Eindruck auf uns machten. Vielleicht sind wir aber auch durch das Training in der Unterwasserarchäologie auf das konzentrierte Arbeiten unter Wasser gewohnt. Ein weiterer interessanter Effekt war, dass man unter Wasser die Tasten der Tastenbox natürlich anders drücken muss, denn hier hilft ja nicht die Schwerkraft beim Tippen. 

Auch wenn wir beide sicher keine Astronauten oder Piloten mehr werden, die Teilnahme an diesem Test hat Spaß gemacht und gehört mit Sicherheit zu den ungewöhnlichen Dingen, die man in seinem Leben mal gemacht haben sollte.

Herzlichen Dank an Marc Dalecki und sein Team (Sebastian, Ben, Raphael und Pascal)!

Fotos: Naemi Reymann (Lumix DMC-TZ 4), Daniel Reymann (Leica C-Lux 2)

Weitere Informationen vom DLR gibt es hier