Denkmal-gerechtes Tauchen und NAS II

Denkmalgerechtes Tauchen und NAS II

NAS II in Kaş – Fortgeschrittenenkurs Unterwasser Archäologie

Ein Bericht von Naemi Reymann
Über den NAS II-Kurs

 


Der NAS II-Kurs der Nautical Archaeology Society (NAS) setzt die Übungen vom Einführungskurs „Denkmalgerechtes Tauchen“ (Introductionary Course) und dem NAS I-Kurs ( „Denkmalschutz und Archäologie unter Wasser“) weiter fort. Er beinhaltet auch die Dokumentation eines Unterwasser-Objekts und den Besuch von zwei Tagungen oder Kongressen zur Unterwasserarchäologie.

Die Teilnehmer lernen die Dokumentation ihrer Arbeiten, die Positionsbestimmung der Fundstelle, zeichnen, messen (beispielsweise Offsetmessung (= Orthogonalvermessung) und Trilateration (= Dreipunktmessung) und üben Foto- und Videotechniken. Zum Abschluss verfasst jeder Teilnehmer einen sogenannten Prospektionsbericht über die geleisteten Messungen, der Beurteilung des Fundorts u.a. („Prospektion“ stammt aus dem Lateinischen prospicere, prospectio – erkunden, Erkundung – und bezeichnet in der Archäologie das Erkunden und Erfassen archäologischer Stätten in einem bestimmten Gebiet). Er erlangt dadurch den Status eines Helfers auf dem Gebiet der Unterwasserarchäologie. Als nächste Ausbildungsstufen folgen NAS III (mit der sogenannten „Field school“, der Teilnahme einer Unterwassergrabung nach einem Punktesystem) und NAS IV. Letztere ist mit Publikation nur in Verbindung mit einem Universitätsabschluss oder einer entsprechenden fachbezogenen Berufsausbildung möglich. Während NAS I – III bei der DEGUWA absolviert werden kann, muss NAS IV in Großbritannien abgeschlossen werden.

Das Schiff von Uluburun in Kaş
Wir sind im Oktober 2010 zum NAS II-Kurs in Kaş an der türkische Mittelmeerküste. Geleitet wird der DEGUWA-Kurs durch den Forschungstaucher Gerd Knepel unter Assistenz der Archäologinnen Michaela Reinfeld und Katrin Wolters.

Die gesamte Mittelmeerküste in Sichtweite zu den östlichsten griechischen Inseln ist voll mit antiken Fundstellen überwasser (beispielsweise lykischen Felsengräbern) und unterwasser (von der Amphore bis zum Ankerstein). Aber Kaş ist aus archäologischer Sicht ein besonderer Ort, denn vor der Küste dieses kleinen Badeorts westlich von Antalya wurde eines der ältesten bisher bekannten Schiffe geborgen: Das Wrack von Uluburun.

1982 entdeckte der türkische Schwammtaucher Mehmet Çakır Formen auf dem Meeresgrund, die für ihn wie „Metallkekse mit Ohren“ aussahen. Diese entpuppten sich als Ochsenhautbarren, die neben Amphoren, Pithoi (großen Amphoren), Steinankern und anderem zur Ladung des Schiffs von Uluburn gehörten. Das Zedernholzschiff stammt aus der späten Bronzezeit im 14. Jahrhundert vor Christus und gilt bisher als das älteste gefundene Schiffswrack. Man vermutet, dass es sich um ein Handelsschiff aus dem mittleren Osten handelt, und gibt Aufschluss über antike Handelsbeziehungen.Das Ausgrabungsteam von George Bass und Cemal Pulak arbeitete in elf aufeinanderfolgenden Kampagnen von jeweils 3-4 Monaten Dauer an der Bergung von Schiffsresten und Ladung. Zwischen 1984 bis 1994 wurden fast 22.5000 Tauchgänge gemacht – in 60 Metern Tiefe (was nur kurze Grundzeiten der Taucher erlaubte). Die Funde sind im Nationalmuseum in Bodrum ausgestellt.

Archaeopark und experimentelle Archäologie
So viele Stunden würden wir nicht haben, das stand fest. Und im Gegensatz zur Originalfundstelle würden wir in einer angenehmeren, weil geringeren Tiefe und nicht an einem Denkmal tauchen. Unsere Tauchplätze waren in erster Linie zwei neuzeitliche „Fundstätten“ mit für uns idealen Übungsbedingungen: Das Wrack der Uluburun III sowie das Amphorenfeld im Archaeopark. 

Uluburun III? Richtig gelesen. Und was ist mit Uluburun II? Also: Die Uluburun II wurde durch die 360° Forschungsgruppe nachgebaut. Nun segelt das Schiff auf Mittelmeerrouten und die Gruppe gewinnt durch praktische experimentelle Archäologie weitere Erkenntnisse über die späte Bronzezeit. 2006 baute die Gruppe ein weiteres Schiff, die Uluburun III, aber nur um diese im Archaeopark zu versenken.

Denkmalgerechtes Tauchen und NAS II

Denkmalgerechtes Tauchen und NAS II

Am 29. Oktober 2006 wurde in der Hidayet Bucht westlich von Kaş das Schiff inklusive Beton-Ladung (Amphoren, Ochsenhautbarren, Steinankern) versenkt. Man wollte auf 20 Metern untersuchen, wie das Schiff zerfällt. Leider ist von ihm inzwischen nicht mehr viel übrig, denn der Schiffsbohrwurm hat ganze Arbeit am Pinienholz geleistet (mit Zedernholz durfte nicht gebaut werden, da es geschützt ist). Auch rutschte das Schiff zehn Meter tiefer ab, ein schwerer Sturm und möglicherweise schlecht geworfene Anker haben ihm weiter zugesetzt. Bereits nach wenigen Jahren ragen nur noch ein paar Spanten und Mastbaumteile aus der Ladung.

Der Archaeopark beinhaltet auch aus das neuangelegte benachbarten Amphorenfeld mit Steinankern und mit Messgitter. Es dient ebenfalls zu wissenschaftlichen Trainings in der Unterwasserarchäologie. 
Mit beteiligt beim Archaeopark-Projekt ist auch die SAD (Sualtı Araştırmaları Derneği, Underwater Research Association, Ankara, Türkei). Diese organisiert auch Trainings. Das Büro des Teams um Leiterin Güzden Varinlioğlu liegt direkt am Hafen und wir bekamen die Chance, mehr über die Arbeit der Gruppe zu erfahren. Im Laufe von vier Jahren hat diese kleine Gruppe mit geringen finanziellen Mitteln beachtenswertes auf den Weg gebracht, auch durch die Einbindung vieler Leute im Ort. Es war eine besondere Woche, denn am kommenden Freitag fand in der Stadt eine öffentliche Ausstellung mit Info-Bannern über die Arbeit des Young Arkeoparks statt und das „virtuelle Museum“ wurde eröffnet (eine Datenbank der Funde). Ein passender Termin: Am türkischen Nationalfeiertag und dem 4 jährigen Jubiläums der Versenkung der Uluburun III.

Bis dahin befand sich die SAD-Gruppe in Vorbereitungen und wir unseren NAS II-Kurs vor uns:

Beim Checktauchgang lernten wir bereits unseren Arbeitsfeldern der nächsten Tage kennen und erhielten erste Eindrücke von Uluburun III und dem Amphorenfeld. Die Tage waren strukturiert: Erster Tauchgang vormittags, kurze Mittagspause in der Stadt, Tauchgang nachmittags, im Hotel vor dem Abendessen archäologischen Vortrag mit Planungen, dann Abendessen und Berichtvorbereitung. 
Die Vorträge handelten beispielsweise von der Uluburun, antikem Handel und Schiffsbau. Es war interessant, am Ende der Woche an einer Werft vorbeizukommen und ein großes Holzschiff im Bau zu sehen! 

Denkmalgerechtes Tauchen und NAS II

 

Denkmalgerechtes Tauchen und NAS II

An den nächsten Tagen standen Zeichenübungen am Amphorenfeld an: Jeder Teilnehmer hatte zwei Felder zu messen und zeichnen. Dann folgten Positionsbestimmung sowie Messübungen: Zunächst die Offsetmessung, bei der von einer Grundlinie aus im rechten Winkel Messpunkte erfasst werden, danach die Trilateration (der Dreipunktmessung, bei der jeweils von zwei festen Basis-Messpunkten von der Grundlinie aus an Messpunkten gemessen wird). Zum Schluß widmeten wir uns wieder der Dokumentation der Uluburun III. Weitere Tauchgänge machten wir an echten Fundstellen (mit den markanten „Archäologennummern und -buchstaben“) mit riesigen Pithoi (großen Vorratsamphoren), Scherbenresten, Mühlsteinen – Gegenständen, die absichtlich oder unabsichtlich ins Wasser gelangten. Zum Ende folgten Tauchgängen an besonderen Spots wie Höhlen, einem Canyon, einem Flugzeug und neuzeitlichen Schiffswracks. Bei einem Tauchgang veränderte sich das spätherbstliche Wetter so eindrucksvoll, dass wir ahnten, wie bedrohlich sich Wetterveränderungen auf Seeleute ausgewirkt haben müssen: Die spitzen Felsen an den Inseln waren nicht mehr zu erkennen.

Eindringlich auch diese Situation: An einem beliebten Tauchspot sahen wir „Rudeltauchen“ über dem Denkmal, einem Amphorenfeld, darunter etliche schlecht tariert und unachtsam. Uns wurde bewusst, wie wichtig ein guter Weg für das Miteinander von Tourismus und Denkmalschutzanspruch ist. Und das es gut ist, dass es solche Projekte von der SAD wie den Young Arkeopark gibt. Denn das Kaş als kleiner Badeort touristisch wächst, ist absehbar, auch ohne Sandstrände. Derzeit wird eine Marina für große Schiffe angelegt, das antike Theater für Veranstaltungen ausgebaut. So ist es nur noch eine Frage der Zeit. Aber das SAD-Team von Güzden Varinlioğlu ist gut aufgestellt, wir wünschen dem ihnen weiterhin viel Erfolg!
Gut organisiert waren auch die Tauchgänge bei Mavi Diving Kas von Hanne und Burak, die uns optimal betreuten. Während der Kurswoche hatten wir mit der „Berkay“ ein eigenes Schiff. Es ist kein Tauchboot, war aber für uns optimal – mit Tee nach dem Tauchen und der ortsansässigen Sheren als Tauchguide. Insgesamt haben wir eine arbeitsreiche und interessante Woche erlebt und etwas in die Welt der Unterwasserarchäologen hineintauchen dürfen.

Zum Videoclip:

Fotos: Naemi Reymann, Michaela Reinfeld und Daniel Reymann
Musik: Burak Gültekin, Mavi Diving Kas
Danke an Willi Franken für seine Unterstützung beim Optimieren des Films!


Buchempfehlung

„Denkmalgerechtes Tauchen, Unterwasserarchäologie, Wracktauchen“, Herausgeber: Mainberger, Knepel, Eisenmann, Maack, erschienen 2007 bei Delius Klasing. Das Buch ist leider im Handel vergriffen. Restbestände können aber über die DEGUWA, bzw. Gerd Knepel (G.Knepel(at)t-online.de) noch bezogen werden.

Internetlinks

Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie (DEGUWA) www.deguwa.org  
Nautical Archaeology Society (NAS) www.nasportsmouth.org.uk  
SAD www.sad.org.tr 
360 º Research Group www.360derece.info/deutsch/home.htm  
Webseite zur Sonderausstellung „Das Schiff von Uluburun. Welthandel vor 3.000 Jahren“ im Deutschen Bergbaumuseum Bochum www.uluburun.de 
Mavi Diving Kas www.mavidiving.com  
Hotel Linda Kas www.kaslindahotel.com  

Fotonachweis

Naemi beim Zeichnen: Michaela Reinfeld (Panasonic DMC-TZ 4)

Panoramabilder (erstellt mit AutoStitch): Daniel Reymann (Leica C Lux 2)

Alle weiteren: Naemi Reymann Panasonic DMC-TZ