Polarstern

Antarktis

Ein Expeditionsbericht von Markus Eßer


Am 05.11.2004 ging die Expedition bzw. Fahrt ins Ungewisse los. Ich flog von Düsseldorf über Frankfurt nach Kapstadt. Während der Fahrt des Forschungsschiffes Polarstern vom 06.11.2004 bis 19.01.2005 ins südliche Weddellmeer sollte ich Flagellaten (Geißeltierchen, 2-20 µm) im Eis bestimmen und als ausgebildeter Forschungstaucher Untereisproben nehmen. Am 06.11.2004 kam ich in Kapstadt an. Am Abend betraten wir das Forschungsschiff und legten von Südafrika ab. Die meisten Fahrtteilnehmer standen an Deck und blickten bei Sekt und Erdbeeren auf die im Nichts verschwindenden Lichter von Kapstadt zurück: für 10 Wochen die letzten Lichter der Zivilisation. Am Horizont funkelte wie zum Abschied ein großartiges Feuerwerk. Bereits am nächsten Tag hatte der Seegang von den ersten Reisenden Besitz ergriffen. Die Seekrankheit breitete sich rasch aus, innerhalb von 2 Tagen waren bereits die meisten von uns betroffen. Von Mahlzeit zu Mahlzeit waren weniger Wissenschaftler/Innen im Speisesaal anzutreffen. Und dabei sollte die Anreise mindestens 14 Tage dauern. Die ersten Albatrosse und Sturmvögel begleiteten unsere Fahrt. 

Riesensturmvogel

Wanderalbatross



Am 08.11.2004 war die Temperatur bereits um 10°C auf 8°C gefallen. Wir begannen die wissenschaftliche Ausrüstung aus den Containern zu bergen und aufzubauen. Für die nächsten Tage herrschte großes Chaos an Bord. 
In vieler Hinsicht war die Expedition jedoch eine Geschichte des Wartens. Die Reise wurde mehr als 2 Jahre lang geplant. Und nachdem die Fahrt nun endlich begonnen hatte, warteten wir darauf, unsere „Scholle“ zu erreichen. Die Polarstern sollte an einer großen Eisscholle festgemacht und nach Möglichkeit 50 Tage mit der Scholle verdriftet werden. Über diesen Zeitraum sollten die Wissenschaftler/Innen an der Scholle Proben nehmen und „Langzeitdaten“ zu Beginn der Sommersaison in der Antarktis erheben, um die Veränderungen der biologischen und nicht biologischen Parameter untersuchen zu können. Zu diesem Zweck waren Chemiker, Physiker, Ozeanographen und Biologen an Bord, die in ihrer Arbeit durch eine Forschungstauchergruppe unterstützt wurden. Eine derartige Driftuntersuchung über einen solch langen Zeitraum hat bislang noch nicht stattgefunden. 
Am Abend des 09.11.2004 wurde der erste Eisberg gesichtet, die Fotoapparate klickerten unaufhörlich. Am Tag darauf näherten sich die Wasser- und Lufttemperaturen dem Nullpunkt. Der Horizont war mit Eisbergen erfüllt, auf denen die ersten Pinguine zu sehen waren. Im Meer wurden auch erstmals Wale gesichtet. Am nächsten Tag fuhren wir an Bouvet Island vorbei, der südlichsten Insel der Welt. Wir hatten den Kurs ein wenig geändert, um an der Eisgrenze Schutz vor einem Sturm zu suchen, und so war uns der Anblick dieser Sehenswürdigkeit vergönnt.

Zwergwal

Bouvet Island



Bis zum 14.11.2004 war die See stürmisch. Wir sichteten täglich Wale, Sturmvögel und Albatrosse. Am Nachmittag sahen wir die erste Robbe, eine Krabbenfresserrobbe. 

Krabbenfresserrobbe



Am 16.11.2004 bekamen wir Adeliepinguine und auch die ersten Kaiserpinguine zu Gesicht. Die Eisdecke war inzwischen mächtig, das Fortkommen trotz der 20.000 PS beschwerlich, Meter für Meter kämpfte sich die Polarstern durch dicke Eismassen. Die meisten Forscher/Innen, von wochenlangem Seegang zermürbt, warteten ungeduldig darauf, endlich das Ziel zu erreichen. 

Adeliepinguine

Kaiserpinguine



Zwei Tage später begannen die Vorbereitungen der Tauchgruppe auf ihren Einsatz. In einer Besprechung wurde der 25.11.2004 als Deadline für das Erreichen der Scholle festgemacht. Mehrmals täglich fanden jetzt Sichtungsflüge mit Helikoptern statt. Am 27.11.2004 fanden wir endlich eine geeignete Scholle. Um 20.00 Uhr durften die Wissenschaftler/Innen erstmals ihre „Heimatscholle“ betreten. Nach 22 Tagen hatte das Warten also ein Ende und die tatsächliche Arbeit konnte beginnen.

Polarlichter

Weddellrobbe



Am nächsten Morgen ging die Tauchgruppe geschlossen mit 5 Personen aufs Eis, um ein Tauchloch zu bohren und zu sägen. Ein Unterfangen, welches bei 1 m Schneeauflage und knapp 2 m Eisdicke mehr als mühevoll war. Nach über 10 Stunden Knochenarbeit bei Schneetreiben gingen wir wieder an Bord. Dennoch wurde auch der gesamte nächste Tag benötigt, um das Tauchloch fertig zu stellen. 

Markus Eßer unter Eis

Am 30.11.2004 fand der erste Tauchgang unter dem Eis statt. Dabei erschien eine Krabbenfresserrobbe im Tauchloch, um sich das fremde Treiben aus der Nähe zu betrachten. Durch den Schneesturm wurde unser Tauchloch immer relativ schnell zugeweht und war bis zum nächsten Tag wieder zugefroren. Jeden Morgen musste das Tauchloch mühevoll freigelegt werden. Schließlich bauten wir ein Zelt über dem Tauchloch auf, um es vor weiteren Verwehungen zu schützen. Im Laufe des Tages bildeten sich die ersten Risse in der Scholle, die doch bis zum 05.01.2005 „halten“ sollte. Am folgenden Tag passierte dann etwas, das die gesamte Expedition prägen sollte.  Nachdem wir unsere Ausrüstung zur Tauchstelle transportiert hatten, tauchte ein Seeleopard am Tauchloch auf.

Der Seeleopard ist eine im Durchschnitt 3,50 Meter lange, räuberische Robbenart. Da es im Jahr zuvor zu einem tödlichen Zusammentreffen zwischen einer britischen Wissenschaftlerin und einem Seeleoparden gekommen war, waren wir zu erhöhter Vorsicht angehalten. Sobald ein Seeleopard gesichtet wurde, musste der Tauchbetrieb sofort eingestellt werden. Für gewöhnlich sieht man im südlichen Weddellmeer einen Seeleoparden pro Woche, wir sollten bis zum Abreisetag nahezu täglich einen sichten.

Seeleopard



Am 04.12.2004 wurde unser Tauchloch durch einen weiteren Riss in der Scholle vom Hauptteil abgetrennt und war nur noch mit Helikopter zu erreichen. Die Arbeit auf der Scholle war in der Folgezeit vom häufigen Auf- und Abbauen geprägt. Immer wieder brachen Teilstücke der Scholle ab und die dort befindlichen wissenschaftlichen Geräte mussten –zum Teil abenteuerlich- mit dem Helikopter geborgen werden. Am 24.12.2004 wurde unsere Scholle in etliche Teile zerrissen, so dass die Polarstern an eines der größeren Teilstücke umgelegt werden musste. 

Am 02.01.2005 verließen wir unsere Scholle in Richtung Heimat. Zum einen, weil weitere Risse das Arbeiten immer mehr erschwert hatten, zum anderen, weil die Eisbedingungen sich auf unserer Fahrtroute verschlechtert hatten und wir sicherstellen mussten, dass alle Wissenschaftler ihren Rückflug nach Hause erreichen.

Bereits am Abend des ersten Rückreisetages liefen die ersten Passagiere wieder mit Pflastern gegen Seekrankheit herum. Am 05.01.2005 hatten wir die offene See erreicht. Die Vorposten des Polarkreises, die Eisberge, begleiteten uns noch mehrere Tage. 

Am 09.01.2005 machten wir als besonderes Highlight noch einen Landgang auf South Georgia. Nachdem wir bisher Adeliepinguine, Kaiserpinguine, Krabbenfresserrobben, Seeleoparden und Weddellrobben gesehen hatten, konnten wir auf South Georgia noch Pelzrobben, Südliche Seeelefanten, Königspinguine und Eselspinguine bewundern. 

Eselspinguin

Königspinguine

Pelzrobbe

Seeelefant


Nach South Georgia stand als nächste Station jetzt Kapstadt im Logbuch. 

Dort kamen wir am 19.01.2005 pünktlich und voller Vorfreude auf unsere endgültige Heimkehr an.

Fotos: Markus Eßer (Konica Minolta Dimage A2; Unterwasseraufnahme AWI-Bremerhaven)

Das Fahrtbuch zu dieser Expedition ist erschienen bei Frederking & Thaler - Weltbücher und kann online bestellt werden.



 


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