Malta – mehr als Wracks und alte Tempel
Ein Bericht von Naemi Reymann


Die bunten typisch maltesischen Fischer- und Transportboote („Luzzu“ genannt) mit den aufgemalten Augen, die waren so das Erste, was mir zu der Insel einfiel – und das Malteserkreuz der Johanniter. Nach dem Urlaub sollte ich mehr wissen:

Im September dieses Jahres zog es mich nach Malta, das zu Recht als eines der besten Tauchreviere im Mittelmeer gilt. Es heißt, dass man in den maltesischen Gewässern selten mit Strömung rechnen muss und rund 25 Wracks können von (geübten) Sporttauchern rund um die Insel betaucht werden. Die Mehrzahl liegt in Tiefen von 20 bis 40 Metern. Malta ist sehr felsig und besonders die kleineren Nachbarinseln Gozo und Comino verfügen über zahlreiche Grotten, Felsüberhänge und kleine Höhlen, in die zum Teil auch getaucht werden kann. 

Da es auf Malta keine Flüsse gibt und somit nichts ins Meer spült ist die Sicht oft sehr gut. Die legendären Sichtweiten von bis zu 60 Metern (meist 20-30 Meter heißt es) konnte ich allerdings nur ein wenig genießen, denn zum Ende des September deutete sich schon den Anfang vom Herbst an. Es gab es bereits erste (aus Inselbewohnersicht lang ersehnte) starke Regenfälle, die die Sicht etwas einschränkten und durch drehende Winde war auch die Westküste nur eine bestimmte Zeit betauchbar.

Das Hotel („Riviera Spa“ mit eigener Tauchbasis) liegt im Norden mit Sicht auf die Nachbarinsel Gozo. Die ersten Tauchziele boten sich direkt von der Haustür aus an und wurden mit dem Boot angefahren, die weiteren Ziele im Süden wurden als „Shore-Dives“ per Jeep erreicht. Da die Insel nicht gerade sehr groß ist sind die Entfernungen überschaubar (die längste Distanz auf Malta von Küste zu Küste beträgt gerade mal 27 Kilometer). Da die Straßen mitunter in sehr schlechtem Zustand sein können und die Beschilderung manchmal sehr dezent ist, kann die Fahrt allerdings auch schon mal etwas dauern (Reifenpannen inklusive). Zusätzlichen „Kick“ gibt dazu noch das englische Erbe in Form des Linksverkehrs (auf der vierspurigen Schnellstraße nach Valletta besonders). Besser tauchen statt Autofahren, also auf ins Wasser:

Die Wracks
In der Nähe der Fähre nach Gozo im Nordosten der Insel liegt bei Cirkewwa 150 Meter westlich von Marfa Point der malerische Hafenschlepper „Rozi“. Das 40-m Schiff wurde 1991 als künstliches Riff versenkt und steht aufrecht in 36 m Tiefe. Es kann gefahrlos auch von Anfängern betaucht werden. Besonders fotogen an der „Rozi“ sind Mast, Steuer und Schornstein. Auf dem Dick kriechen bunte Feuerwürmer und sogar ein einzelner Barrakuda zog eine Runde. Durch das alte Ruderhaus kann man hindurchtauchen – begleitet von Fischschwärmen.









Zum nächsten Schiff „Scott Craig“ (auch „Popeye’s Barge“ genannt) ist es von da aus nicht weit. Sie liegt in der „Anchor Bay“ in Sichtweite zur verwinkelten Filmkulissenstadt. Man ließ diese schottische Autofähre 1980 nach den Dreharbeiten für den Popeye-Film (u. a. mit Robin Williams) vollaufen und versenkte sie ebenfalls als künstliches Wrack. Nun ist sie an bestimmten Stellen von Oktopus und Muräne bewohnt – unser Tauchguide Dieter führte uns zu ihnen.







Das Wetter wurde schlechter – die P29 rückte weiter in die Ferne, wir mussten auf die Ostküste der Insel ausweichen, so ging es in den Süden der Insel. Ein malerischer kleiner Küstenort an der Südspitze der Insel, massenhaft Katzen, eine sehr, sehr steile nasse Straße, mit Glück der letzte freie nahe Parkplatz, die 15 Liter Flasche auf dem Rücken und dazu ein steiler Einstieg Richtung Fahrrinne nahe der Blauen Grotte – so gestaltete sich für uns der Erstkontakt mit Wied-Iz-Zurrieq. Riesig erscheint an der tiefsten Stelle auf 36 Metern die mit Flechten bewachsene riesige Schiffsschraube und das ist erst der Auftakt. Der arabische und englische „No Smoking“ Hinweis an der Wand auf Deck der „Um El Faroud“ mutet etwas seltsam an, ist es doch seit 1998 gar nicht mehr möglich an Deck des Öltankers zu rauchen. Denn seit dieser Zeit liegt der riesige libysche 109-m Frachter 25 bis 35 Meter tief auf Grund. 



Es ist faszinierend, über das Deck, durch die Räume und durch das Treppenhaus zu schweben: Steuer- Maschinen-, Funk- und Speiseraum können betaucht werden. Bei aller Faszination: Ein Spot eher für geübte Taucher, auch wenn Fenster und Türen demontiert und somit für Taucher sicher gemacht wurden. Mit 14 Metern Breite und rund 23 Metern Höhe ist der Kahn beeindruckend groß. Hin und wieder erscheinen sogar ein paar bunte Papageienfische (die typische Mittelmeersorte – nicht zu verwechselnd mit den verwandten Arten aus dem Roten Meer). Beim Austauchen hören wir über uns das permanente Brummern der mit Touristen gefüllten Motorboote, die Richtung blaue Grotte (nach dem Vorbild auf Capri benannt) steuern. Dann schon lieber mit der Sepia am Grund beschäftigen...



 

Wir haben uns beim Folgetauchgang bei Wied-Iz-Zurrieq ein Taucherdenkmal und zwei kleine schön bunt bewachsene Minigrotten ausgesucht und den Meerbarben und Schraubensabellen vor Ort einen kleinen Besuch abgestattet. Höhlentauchen auf Malta – ein Extra-Thema... 





Das Wetter wurde stürmischer und so hieß es ausweichen auf Spots, die viele Tauchschulen der Insel ebenfalls notgedrungen als Ausweichtauchspot wählten: Mit dem Jeep geht es Richtung Hauptstadt Valetta in den Südosten der Insel zur „St. Elmo Bay“. Wie in Hafenanlagen üblich ist die Sicht eher schlechter und es liegt eine Menge Gerümpel auf Grund, auch teilen wir uns den Sport mit mehreren Tauchgruppen. 1942 wurde der Zerstörer „HMS Maori“ in der Bay versenkt und liegt nun auf 13-17. Ein Fundstück des Wracks trägt noch eine Inschrift mit der Jahreszahl 1941. Wir tauchen nicht in dem Wrack, auch da es nicht mehr stabil ist und man nie weiß, wann solch ein altes Schiff weiter in sich zerfällt. 

Die Eisenträger der einstigen Decksaufbauten sind über und über mit Pflanzen überzogen, der Rest erscheint rostbraun. Bug und Heck weisen erhebliche Schäden der Bombardierung auf und mir wird bewusst, dass ich gerade an einem Friedhof tauchen gehe. An einem riesigen Sarg aus Kriegszeiten. 1937 lief die Maori, ein britischer Zerstörer der Tribal-Klasse, vom Stapel und hatte turbulente Zeiten vor sich: Zu Beginn des zweiten Weltkriegs in Alexandria eskortierte sie Konvois der Allierten durch den Nordatlantik. 1941 gelang es ihr sogar, den Radarkontakt zur „Bismarck“ herzustellen, Deutschlands berühmtesten Schlachtschiff. 1942 lag „Her Majesty’s Ship Maori“ dann am Eingang der maltesischen Dockyard Creek als eine deutsche Bombe den Maschinenraum traf und das Schiff heckwärts in die Tiefe versank. 


Wir setzen uns wieder in den Jeep und fahren zum Manoel Island. Der Wächter lässt die Schranke hoch, wir dürfen passieren und gelangen auf das Gelände des „Royal Malta Yacht Club“. Wieder vorbei an viel Hafenmüll machen wir uns auf den Weg zum nächsten Wrack aus dem 2. Weltkrieg. Bei trüber Sicht geht es zur „Carolita“, einem Schiff, das auf 20 Metern liegt. Circa 1915 gebaut und dann im Dienst, um Truppen bei den Dardanellen mit Wasser zu beliefern, wurde der X-Lighter bei seinem Einsatz im zweiten Weltkrieg vermutlich von einem U-Boot getroffen. An einer zentralen Stelle kann man bis zur Maschine sehen, da das Schiff durch die Bombe von innen heraus geborsten ist. Etwas verlassen wirkt der Union Jack, der (noch oder wieder?) an einem Mast hängt. Hier besteht ebenfalls das Risiko, dass das Schiff weiter auseinander bricht und so tauchen wir mit genügend Abstand. Auf einer Kante sitzt reglose ein Drachenkopf und beobachtet das Geschehen. Wieder entdecken wir Papageienfische, aber auch eine Scholle und sogar Thunfische.



Maltas kleine Schwestern Gozo und Comino
Nicht nur Malta selbst ist ein tolles (Tauch-)Reiseziel – auch die wesentlich grünere Nachbarinsel Gozo ist einen Besuch wert. Im Halbstundentakt nimmt eine Fähre Kurs, die Überfahrt dauert ca. 30 Minuten. Ein besonderer Ort ist z.B. der imposante Felsbogen, das „Azur-Fenster“. Unweit kann durch das „Blue Hole“ einen Kamin entlang getaucht werden. Nach Comino kann man kleine Tagestouren mit dem Boot machen und z.B. in den „Comino Caves“, einem labyrinthartigen Höhlensystem, tauchen oder in der „Blauen Lagune“ schnorcheln. Was die Inseln alle nicht haben: Lange Sandstrände gibt es nicht, die wenigen Sand-Buchten muss man nutzen und an manchen Stellen gibt es schmale Einstiege mit Eisen-Geländer. Aber die Tierwelt entschädigt einen: An einer Stelle (der „Golden Bay“) habe ich bereits beim Schnocheln neben bunten Meerjunkern und –pfauen, Schriftbarschen und leuchtend blauen Baby-Mönchsfischen einen Kraken und eine kleine Muräne erspäht...

Reichlich Kultur – seit Jahrtausenden:
Auch Überwasser sind Malta und Gozo tolle Reiseziele. Nicht nur der Johanniter-Orden hat für repräsentative Bauten gesorgt: Überall stehen Tempel als Zeugen einer alten neolithischen Kultur aus der Frühsteinzeit. Nur durch frühzeitige Buchung über das Internet kann man z.B. eine der seltenen Führungen durch das Weltkulturerbe „Hypogeum“ machen: Einer Kult- und Grabstätte aus der Jungsteinzeit – mit einfachsten Gerätschaften dreistöckig bis zu 11 Metern in den Fels gegraben, der älteste Teil entstand 3600 und 3300 vor Christus! Nah liegen überirdisch die Tempelanlagen der Tarxien (Foto). Es fasziniert, wieviel diese alte Mittelmeerkultur bereits von Astronomie wusste und welche ausgeklügelten Tempelsysteme damals nach exakten Ausrichtungen nach Sternen und Sonne geschaffen wurden! Da scheinen Überlegungen zum Thema Atlantis nicht von ungefähr zu kommen... zumal eine Anlage auch zum Teil im Meer liegt.


Weitere Unterwasser-Ziele: 
Die Fähre „Imperial Eagle“ vor Qawra wurde 1999 auf 42 m Tiefe versenkt und ist somit für Sporttaucher noch gut zu erreichen, ganz im Gegensatz zur „HMS Stubborn“, einem britisches Unterseebot der S-Klasse, gesunken 1946. Die 66 Meter lange, gut erhaltene Stahlröhre liegt
im Nordwesten drei Seemeilen vor der Küste auf satten 56 m und ist nur noch ein Ziel für Wracktauchspezialisten. 
Das spektakulärste Wrack Maltas dürfte sicherlich der „Blenheim-Bomber“ sein: Das zweimotorige Flugzeug ging im 2. Weltkrieg unter noch ungeklärten Umständen östlich von Srobb-il-Ghagin unter und liegt auf 42 Metern Tiefe. Mit Ausnahme des Backpropellers sind Flügel und Treibwerke ausgezeichnet erhalten. Der Pilotensitz ragt heraus, der hintere Rumpfteil liegt zum Teil im Sand. Ebenfalls nur für Spezialisten geeignet.

Ach ja P29: Die bereits genannte „P29“, der ehemalige DDR-Minensucher Boltenhagen, ist Maltas jüngste Wrack-Errungenschaft – ganz in der Nähe der „Rozi“. Das 1970 gebaute Schiff ging 1996 „in Ruhestand“ und war dann aber noch 12 Jahre lang als Patrouille- und Grenzkontrollboot im Dienst der maltesischen Marine. Versenkt wurde das 51 Meter lange Boot am 14. August 2007 – natürlich ist es noch nicht so stark bewachsen, aber bereits jetzt schon dürfte das Boot auf 33 Metern ein interessantes neues Ziel sein, da es viel zu entdecken gibt. Noch besitzt sie Armaturen, Schilder und anderes Inventar aus alten Dienstzeiten. Man kann nur hoffen, dass es noch länger den Reiz eines jungen Wracks besitzt (solange Andenkenjäger den Ort nicht plündern, was bereits nach kurzer Zeit schon etwas geschehen sein soll). Leider war es mir nicht möglich in dem Urlaub dort tauchen zu gehen, der Herbstbeginn forderte seinen Tribut, ein sicheres Tauchen an diesem Spot wäre nicht möglich gewesen. Also ein weiterer Grund zum Wiederkommen...

Abgetaucht mit H20 Divers (www.h20divers.com) Danke Dieter!
(Kultur-)Infos Malta: www.heritagemalta.com und www.visitmalta.com
Wer ohne Guide tauchen will, muss sich eine „Malta Sports Diving Card“ besorgen (unter Vorlage der aktuellen tauchsportärztlichen Untersuchung, geht nur ab CMAS Silber bzw. PADI-Advanced). Spannender und wesentlich sicherer ist das Tauchen mit Diveguide, da die die Inseln gut kennen und man viel mehr gezeigt bekommen kann. Ab Januar 2007 gibt es auch auf Malta den Euro, Amtsprache ist englisch.
Wer die Viefalt Maltas live erleben möchte, findet bei Solegro Sommerreisen mehr dazu.

Photos: Naemi Reymann, na-emi(at)gmx.de (bis auf Photos Wrack „Rozi“: Stephan Weemhoff)
Kamera: Ixus 500


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